LESEN SIE EINFACH MAL HINEIN...
Im folgenden verrate ich Ihnen, wie ich vorgegangen bin – von dem brennenden Wunsch beseelt, ein Spitzenbuch zu verfassen. Nehmen Sie dazu den Gesichtspunkt ein, dass Sie ein Bestseller-Autor werden wollen. Wie sollten Sie vorgehen?
Man mag alle möglichen Kriterien anlegen und kühn darauflosspekulieren, was ein „gutes Buch“ ausmacht und was den Schreiberling zum Schriftsteller macht – aber über ein Kriterium sind sich alle Fachleute einig: ein Profi verfügt über ein umfangreiches Vokabular und gebietet über einen beachtlichen Wortschatz. Was für den Musikus die Töne sind, sind für den Federfuchser die Wörter. Wörter sind das Handwerkszeug des Schriftstellers, ihre Bedeutung kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Aber wie eignet man sich einen riesigen Wortschatz an? Nun, es existieren Methoden und Wege, Wörter so fix und mit derart geringem Zeitaufwand zu lernen, dass es eine Lust ist.
Der Schauspieler hat’s gut! – könnte man lakonisch kommentieren. Er verfügt über Gestik, Mimik und die Sprache, kann Wörter modulieren, kann auf ihnen herumkauen, kann brummen wie ein Bär oder zirpen wie eine Grille. Kurz er kann Methoden und Mittel einsetzen, die dem Reimschmied oder Schriftsteller einfach abgehen. Nur dem armen Poeten steht allein das nackte Wort zur Verfügung, und man verlangt von ihm, dass er damit so virtuos umgeht wie der Konzertpianist mit den Tasten.
Fest steht, dass das Wort unbestritten das Werkzeug ist, mit dem der Schriftsteller operiert. Der Experte misst an diesem Prüfstein, ob er einen Fachmann vor sich hat, der leicht mit Wörtern jonglieren kann, der Wörter wie ein Kaninchen aus dem Zylinder zaubern kann oder ob er nur einen mittelmäßig talentierten Federfuchser vor sich hat, der heilfroh ist, wenn er wie das sprichwörtliche blinde Huhn versehentlich auch einmal ein Korn findet. Sie müssen also Ihre Sprache kultivieren und ständig Wörter lernen – Vokabeln der eigenen, deutschen Sprache, als ob Sie sich eine Fremdsprache zu eigen machen!
Erfreulicherweise gibt es wie angedeutet hierzu einige hervorragende Methoden, die außerdem enorm viel Spaß bereiten. Sie müssen zunächst verstehen, dass Sie ohne Ihr Handwerkszeug, ohne Wörter, gewissermaßen stumm sind. Sie sind wie ein Vogel, der nicht singen kann. Mit Hilfe Ihrer Wörter transportieren Sie Ideen, Gedanken und Vorstellungen. Ihre Phantasie, die Sie vielleicht potentiell dazu befähigt, völlig ungeschaute Galaxien aus dem Nichts in die Existenz zu stampfen, nutzt Ihnen nur zu dem Grade und dem Ausmaß etwas, wie Sie formulieren, kommunizieren und mit Wörtern turnen können. Telepathie mag eine außerordentlich faszinierende Angelegenheit sein, aber den Schriftsteller macht sie arbeitslos. Sein Medium ist die Sprache und das Wort. Die Phantasie mag der Reiter sein, jedoch das Pferd ist die Sprache. Und der begabteste Jockey ist hilflos und lahm ohne Pferd. Wie aber erweitert man ohne großen Zeitaufwand seinen Wortschatz?
1. VOKABELDIEBSTAHL IM GESPRÄCH
Lernen Sie zunächst die Kunst des Zuhörens und des unmittelbaren Einverleibens von Wörtern.
Wußten Sie, dass Luther literarische Karriere machte, indem er „dem Volk auf’s Maul“ schaute? Machen Sie sich in Zukunft ebenfalls einen Sport daraus, genau zuzuhören, neue Wörter aufzuschnappen und sie bei der nächsten, passenden Gelegenheit zu gebrauchen. Horchen Sie auf jedes neue Wort, das Sie noch nicht kennen.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, Sie treffen zufällig Ihren Nachbarn und kommen im Laufe der Unterhaltung auf einen kleinen Ganoven zu sprechen, der zwei Straßen weiter eingebrochen hat, weil die örtliche Zeitung hierüber berichtete. Ihr Nachbar kommentiert dieses Ereignis und teilt Ihnen mit, dass er besagten Ganoven für einen gewöhnlichen Strauchdieb und Schurken hält, obwohl er auf den ersten Blick den Eindruck eines Glücksritters vermittelte.
Herrlich!
Eine wunderbare Gelegenheit, Wörter zu stehlen! Ihr Nachbar hat die Wörter „Strauchdieb“ und „Glücksritter“ verwandt. Vielleicht kennen Sie diese Wörter, es ist sogar wahrscheinlich, dass Sie mit ihnen vertraut sind, nur: Sie haben diese Wörter nie benutzt!
Klammheimlich wie ein Dieb machen Sie sich jetzt diese Wörter zu eigen, übernehmen diese Ausdrücke in Ihren Wortschatz und gebrauchen sie sofort!
Verstehen Sie? Sie spitzen die Ohren und stibitzen Wörter – direkt von den Lippen weg. Ich verspreche Ihnen, Ihr Leben wird aufregend und farbig wie nie zuvor. Sie saugen Wörter auf wie ein Schwamm – und gebrauchen sie bei der nächstbesten Gelegenheit.
Wissen Sie, wie das Leben eines Kameramannes ausschaut? Ein Kameramann schneidet sich seinen Teil aus der Wirklichkeit heraus! Ich will damit sagen: Er „sieht“ ständig gewissermaßen mit einem Objektiv vor Augen und erblickt die Wirklichkeit nicht, wie sie ist, sondern wie man sie im Film darstellen könnte. Wenn er zum Beispiel eine Ahornallee entlangflaniert, so sieht er ständig die mögliche interessante Perspektive vor seinem geistigen Auge, die er filmen könnte – statt im Detail die Bäume wahrzunehmen!
Schneiden auch Sie sich einen Teil aus „Ihrer“ Wirklichkeit heraus. Achten Sie nicht länger darauf, was die Leute sagen, wie groß ihre Ohren sind oder wie ihre Beine geformt sind, sondern welche Wörter sie verwenden! Sie werden die faszinierendsten Entdeckungen machen und Sie werden sich hinsichtlich Sprache wie neu geboren fühlen. Darüber hinaus werden Sie feststellen, dass es viele „Sprachen“ gibt. Es existieren Sprachen, die nur Senioren sprechen, wie es umgekehrt die Twen-Sprache gibt. In meiner Jugend war es schick – wenn man sein Erstaunen zum Ausdruck bringen wollte - lässig die Worte einzuflechten:
„Ich glaub’, mein Goldfisch humpelt!“
Wissen Sie, wie sich Teens heute ausdrücken? Sie sagen:
„Ich glaub’, mir läuft ein Ei aus!“ – natürlich mit unbewegter Miene!
Stehlen Sie um Gottes Willen solche Ausdrücke! Haben Sie keine Scheu und keine Hemmungen, alle Sprachen zu lernen, die der Teens wie die der Wissenschaftler. Sprechen Sie wie in Bayern und wie in Berlin! Lernen Sie die Gaunersprache und sprechen Sie von einem „Riesen“, wenn ein Tausendmarkschein gemeint ist. Suhlen Sie sich in der Gelehrtensprache. Legen Sie jede Überheblichkeit bezüglich Sprache ab. Sprachen und Wörter sind bunt und vielfältig – es gibt einen überwuchernden, faszinierenden Reichtum davon. Scheuen Sie auch nicht vor der Analsprache zurück. Sie sind Schriftsteller, kein Volksschullehrer! Saugen Sie Wörter auf wie ein Schwamm. Spitzen Sie in jedem Gespräch die Ohren, schnappen Sie sich die besten Bröckchen – sprich Wörter, die farbig und neu sind, verdauen Sie sie und gebrauchen, gebrauchen, gebrauchen Sie diese Wörter!
Man wird Sie als Schriftsteller identifizieren, wenn das „Bild“ stimmt und wenn Sie außergewöhnliche Wörter benutzen - wenn Sie also eine gelenkige Zunge haben. Außerdem werden Sie phantastisch extrovertieren. Also bitte! Bevor Sie jetzt weiterlesen, greifen Sie sich einen Gesprächspartner, belauschen Sie ihn, schnappen Sie ein paar Wörter auf, die Sie noch nie benutzt haben – und wenden Sie diese Wörter umgehend im Gespräch an!
Finden Sie also einen Gesprächspartner. Sprechen Sie mit ihm über ein beliebiges Thema. Seien Sie wie der Teufel hinter der armen Seele hinter seinen Wörtern her, achten Sie auf Vokabeln, die bunt und farbig sind und die Sie bislang noch nicht (aktiv) benutzten. Stehlen Sie diese Wörter direkt von seinen Lippen weg und gebrauchen Sie diese, möglichst schon im gleichen Gespräch.
Lernen Sie auf diese Weise ständig neue Vokabeln.
Diese Methode besitzt einen höchst bedeutungsvollen Nebeneffekt: Zum täglichen Brot eines Schriftstellers gehört es unter anderem auch, Charaktere zu entwerfen. Wodurch aber manifestieren sich Charaktere und Typen? Einverstanden – man kann eine Figur kennzeichnen durch ihren Pfefferminzgeruch, durch ein unkontrolliertes Zucken um die Mundwinkel oder durch eine riesige Geiernase etwa. Ein weiteres vortreffliches Mittel zur Charakterisierung ist darüber hinaus jedoch auch die Sprache! Figuren und Charaktere existieren keineswegs nur in Theaterstücken oder in Romamen, sondern auch im Leben. Wenn Sie ursächlich und aktiv die Sprache und die Vokabeln einer Person registrieren, haben Sie schon eine halbe (oder ganze) Charakterrolle auf dem Papier.
Verstehen Sie? Die minutiöse Beobachtung der Sprache dient auch dazu, Charaktere zu erkennen und Eigenarten festzuschreiben. In Ihrem eigenen Interesse liegt es jetzt, weiterhin systematisch (und regelmäßig) Vokabeln zu lernen. Ausserdem...
...INTERESSIERT AN DEM KOMPLETTEN REPORT?