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SCIENCE FICTION SCHREIBEN
Wie Sie spannungsgeladene Science Fiction schreiben
von Ha. A. Mehler
 Fragen wir uns zunächst: Worum handelt es sich bei der Gattung Science Fiction? Ist es überhaupt legitim, dieses unglaublich spannende Genre in eine bestimmte Schublade zu stecken?
Ist Science Fiction einpreßbar, definierbar, katalogisierbar?
Nun, unternehmen wir zumindest einen Anlauf.
VERSUCH EINER DEFINITION
Science Fiction, auch Sciencefiction geschrieben oder Science-Fiction, kurz SF, Sci-Fi oder SciFi, alle Schreibweisen sind legitim, leitet sich her von den englischen Begriffen science = (Natur-)Wissenschaft und fiction =Dichtung, Erfindung. Man spricht im deutschsprachigen Raum auch von Zukunftsroman, Zukunftsfilm (sofern es sich um einen Film handelt), wissenschaftlicher Phantastik, utopischer Literatur, Zukunftsliteratur oder spekulativer Fiktion.
Allein an der Vielzahl der Vokabeln erkennt man bereits, dass berufenere Geister als wir es sind sich darum bemüht haben, Science Fiction zu verstehen und zu definieren.
Und doch ist es nie gelungen!
Man versuchte, Science Fiction inhaltlich festzulegen – und auf Weltraumabenteuer, Robotergeschichten, Zeitreisen und phantastische Fortschrittsmöglichkeiten in verschiedenen Wissenschaften zu reduzieren – und schlug erbärmlich fehl.
Unverdrossen versuchte man nun, Science Fiction-Subgenres zu definieren und zwischen Horror-SF, Fantasie-SF, Military-SF, Apokalypse-SF undsofort zu unterscheiden.
Aber wem half das?
SF-Historiker wiederum bemühten sich, verschiedene Entwicklungslinien aufzuzeigen und damit im Zusammenhang die „wichtigsten“ Autoren zu benennen.
Fraglos hatte der französische Autor Jules Verne (1828 – 1905) bedeutende Vorarbeit geleistet und vielleicht das Genre erfunden. H. G. Wells (1866 – 1946) hatte mit seiner Geschichte Zeitmaschine die Gemüter weiter erregt und die Phantasie angeheizt.
Aber gab es nicht schon frühere SF-Autoren?
Schon vorher hatte Robert Louis Stevenson (1850 – 1894) mit seiner Story Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Mary Shelley (1797 – 1851) mit Frankenstein für Aufregung gesorgt – im Grunde genommen lupenreine Science Fiction.
Aber konnte man theoretisch nicht noch weiter zurückgehen und viele Romane auf ihren SF-Gehalt hin abklopfen?
Wir erkennen hier erneut die Crux der „Literaturwissenschaft“, die erst dann zufrieden ist, wenn alles fein säuberlich in verschiedenen Schubladen untergebracht ist – wobei sie regelmäßig scheitert; denn Autoren, Autoren (!), scheren sich den Teufel um genaue Definitionen eines Genres, dem sie angeblich gerecht werden müssen – sie erfinden 100 neue Genres, wenn es ihnen passt.
Auch der Versuch, die wichtigsten Autoren zu benennen, ist zwar löblich, aber hilft wenig. Ja, Höhepunkte bildeten die Romane von Robert A. Heinlein, A. E. van Vogt, L. Ron Hubbard, Frank Herbert, Isaac Asimov, Arthur C. Clark, Robert Silverberg undsofort, doch auch der jüngst verstorbene Michael Crichton („Jurassic Parc“, „Time line“ usw.) kann im Grunde genommen als ein SF-Autor bezeichnet werden, ebenso wie Frank Schätzing, der mit seinem Schwarm in vielen Ländern für Furore sorgte.
Weiter könnte man die wichtigsten SF-Filme benennen und versuchen, fündig zu werden. Flash Gordon, Star Trek, Planet der Affen, 2001: Odysee im Weltraum, E.T., Dune, Krieg der Welten, Independence Day und immer und immer wieder Krieg der Sterne kennzeichnen und definieren den Science-Fiction-Film und damit auch das Genre. Aber ein Ende ist nicht abzusehen, die Gattung erfreut sich kontinuierlich steigender Beliebtheit und erfindet sich sozusagen ständig neu.
Die unterschiedlichen Inhalte lassen sich nicht wie ein Ahornblatt zwischen zwei Buchdeckel pressen, die Palette der Science Fiction ist ungeheuer vielfarbig – wobei wir noch nicht einmal auf die unterschiedlichen SF-Nuancen in Japan, Russland usw. zu sprechen gekommen sind.
Was also, verflixt, ist Science-Fiction?
Vielleicht sollten wir besser die Frage stellen, wodurch sich der Science-Fiction-Autor auszeichnet?
DER SCIENCE FICTION–AUTOR
Nun, ein Autor schert sich wie gesagt grundsätzlich nicht um die hehre Literaturwissenschaft, die ja nur versucht, im Nachhinein ein bestimmtes Label oder ein Schildchen einer bereits existierenden Sache anzukleben – wobei dieses Schildchen korrekt sein mag oder eben auch nicht. Der SF-Autor schiebt all diese akademischen Fragen beiseite, da hier lediglich der Versuch unternommen wird, die Science Fiction zu reduzieren und einzuschränken; doch der SF-Autor wehrt sich sozusagen von Haus aus gegen jede Einschränkung.
Science-Fiction-Autoren sind kurz gesagt Rebellen.
Wenn Sie Science Fiction schreiben wollen, müssen Sie mithin ein Rebell sein. Echte Künstler und echte Schriftsteller sind grundsätzlich Rebellen, aber Science-Fiction-Schreiber sind die Rebellen der Rebellen, sie sind die Anführer aller Rebellen.
Sie lassen keinen Stein auf dem anderen. Sie ignorieren chemische und physikalische Gesetzmäßigkeiten, die uns in der Schule als das Non-Plus-Ultra der letzten Erkenntnis beigebracht worden sind, vollständig und wischen sie vom Tisch, als würden sie ein paar übriggelassene Krümel hinwegfegen vom letzten Frühstück. Über Einstein und dessen Theorie, dass man nicht schneller als das Licht fliegen kann, lachen sie sich halbtot, weil sie so viel Unsinn auf einmal nie gehört haben. Sie kultivieren eine gründliche Verachtung gegenüber „althergebrachten“ Wissenschaften, sie bekommen Lachkrämpfe, wenn sie die Theorien der Soziologie oder Psychologie hören, die uns reduzieren wollen auf das „Ergebnis unserer Umwelt“ oder in uns ein „Produkt unserer Kindheit und Sexualprobleme“ sehen.
Nein, was für ein köstlicher Scherz!
Sie ignorieren Wissenschaften überhaupt, wenn sie auch ihre Theorien sehr gut kennen, weit besser als andere Zeitgenossen, aber sie versuchen, sich über eben diese angeblichen Wissenschaften zu erheben, sie versuchen, aus der Vogelperspektive Dinge zu betrachten und denken in galaktischen Dimensionen, nicht aus der Perspektive eines einzigen, winzigen, blöden Planeten, genannt Erde, am Rande einer unwichtigen Galaxis, der auch noch abseits aller wichtigen Verkehrswege liegt, lies Routen, die Raumschiffe benutzen.
Ha, wie elend und klein und winzig muss man sich als Erdenbewohner fühlen, welch ein erbärmliches Ameisendasein führen doch diese Menschlinge, die nicht einmal die Planeten ihres eigenen kleinen Sonnensystems kennen, nicht wirklich jedenfalls, denn sie haben nie den Fuß auf den allernächsten Planeten, wie Mars etwa, gesetzt!
Die Menschlinge, diese selbstgerechten, vor Eigenwichtigkeit strotzenden kleinen Fürze, wissen nicht einmal, was sich auf dem Planeten Mars in den letzten 100 Millionen Jahren abgespielt hat, ja sie kennen tatsächlich die Geschichte ihres eigenen Planeten Erde nicht wirklich – beziehungsweise gerade einmal ein paar lächerliche Tausend Jahre, bestenfalls, wobei sich ihre selbsternannten Wissenschaftler ständig streiten, wie es wohl „wirklich“ gewesen ist.
Wer behält Recht, was die verschiedenen Geschichts-Theorien angeht? Natürlich der, den längsten Titel spazierenführt, aber um eben diese langen Titel zu erhalten, muss man sich in einige seltsame Lehranstalten namens „Universität“ begeben, wo man jedoch lernt, übereinzustimmen, übereinzustimmen, übereinzustimmen, nachzubeten, nachzubeten, nachzubeten!
Man lernt hier nicht denken, nicht out of the box, nicht außerhalb der Schublade.
Diese Menschlinge, hohoho!, sie sind aus dem Affenstadium nie wirklich herausgekommen!
Science-Fiction-Schreiber erheben sich also über alle „Wissenschaftler“, die immer nur am Althergebrachten kleben, aber vor allem erheben sie sich über Zeit und Raum, und wenn es überhaupt Denker gibt, die die unglaubliche Fähigkeit besitzen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und auf sie zu spucken, sich über das Gestern zu erheben und all diesen verquerten Pseudowissenschaften des Planeten Erde den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen, so sind es SF-Autoren. Sie sind die wahren Titanen des Tintenfasses, sie werfen alte, abgeschmackte Theorien auf den Misthaufen und besitzen das unglaubliche Talent, vollständig neu zu denken, etwas nie Dagewesenes zu erschaffen, sich über Planeten, Galaxien und Universen zu erheben und über ein paar Hundert Lichtjahre Entfernung nicht sonderlich erstaunt zu sein; das ist nichts anderes als ein Spaziergang im Vorgarten.
Science-Fiction-Autoren sind Vordenker, sie inspirieren all die Wissenschaftler und Ingenieure, Tüftler und Bastler, Querdenker und Erfinder.
Erst kommt die Science-Fiction, dann die Wissenschaft, die immer hinterherhinkt!
Vielleicht gibt es keine wichtigere Spezies unter den Herren Schriftstellern als Science Fiction-Autoren.
Aber, hmm, wie könnte es Ihnen gelingen, den Fuß in die Tür zu bekommen, um als SF-Autor Erfolg zu haben?
Fragen wir interessehalber einmal die ehemalige No. 1 unter den Science-Fiction-Verlegern Deutschlands, Wolfgang Jeschke, der sich unglaublich engagierte, um die SF im deutschsprachigen Raum populär zu machen.
Fragen wir also einen wirklichen Fachmann und lauschen wir seinen Ratschlägen im Original!
EIN INTERVIEW MIT WOLFGANG JESCHKE
WOLFGANG JESCHKE, Jahrgang 1936, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Seine Laufbahn in Stichpunkten: Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik, Redaktionsassistent beim Kindler-Verlag (Mitarbeit am Kindler-Literatur-Lexikon), anschließend Leitung der Enzyklopädie Die Großen der Weltgeschichte. Parallel zu dieser Tätigkeit Herausgabe der Reihe Science Fiction für Kenner bei der Kindler-Tochter Lichtenberg. Ab 1973 verantwortlicher Lektor im Heyne-Verlag für Science Fiction (SF) und Fantasy. Fünf Jahre später Herausgeber bei Heyne für SF und Fantasy, heute im Ruhestand.
„Herr Jeschke, kann man einzelne Perioden im Science-Fiction-Genre festmachen? Kann man sagen, dass es Phasen gab, da Science Fiction hierzulande, in Deutschland, gut und weniger gut lief? Und ist im Moment der Markt bei uns nicht ‚unten’ – im Gegensatz zu den USA?“
Wolfgang Jeschke: „Diese Phasen hat es immer gegeben. Mal war der Krimi oben, mal der Western; jetzt ist es eben Horror, aber man muss differenzieren: zum Teil existieren auf dem Markt sozusagen optische Täuschungen, denn in der USA wird zur phantastischen Literatur im weitesten Sinne auch der Horror gezählt; würde man bei uns in Deutschland auch Steven King, Peter Straub und wie sie alle heißen, hinzuzählen, dann sähen auch bei uns die Zahlen ganz anders aus. Es verhält sich natürlich zweifellos so, dass die Science Fiction in Deutschland nie die gleiche Bedeutung besessen hat wie in den USA. Dies hat zum Teil etwas mit der Publikationsgeschichte zu tun. Während des Krieges erschien natürlich bei uns überhaupt nichts, während in den USA die Science Fiction Riesenfortschritte machte, vor allem in den 40er Jahren und auch danach.
Außerdem besitzt die Science Fiction in Deutschland ein sehr starkes Negativ-Image, das nur schwer zu beheben ist. Teilweise ist dies bedingt durch Kritiken, die dem Genre kein Niveau zubilligen, ein Meinung, die bei fundierter Kenntnis der Gattung natürlich nicht zu vertreten ist.“
„Nehmen wir nun einmal den Gesichtspunkt eines Autors ein. Stellen wir uns vor, es kommt ein junger Autor auf Sie zu, der wenig oder nichts weiß über den Markt. Was würden Sie ihm raten?“
Wolfgang Jeschke: „Also zunächst einmal muss gesagt werden: Einige wenige Verlage prüfen jeden Text, aber wenn man dort einem drittrangigen Aufguss begegnet, sprich einem Autor, der nur Startrek liest oder Perry Rhodan, so wird er natürlich abgeblockt. Oft reichen 6 oder 8 Seiten, um eine Erzählung oder einen Roman zu beurteilen. Wenn eine Arbeit nichts taugt, wird das Manu einfach zurückgeschickt. Oft landet ein Manu zunächst jedoch bei einem Außenlektor...“
„Wie viele Außenlektoren beschäftigte ehemals der Heyne-Verlag?“
Wolfgang Jeschke: „Etwa 30. Manchmal werden auch Manuskripte in ausgefallenen Sprachen eingereicht – es gibt regelmäßig Angebote zum Beispiel aus dem Rumänischen, Bulgarischen, Polnischen oder Tschechischen.“
„Wie viele Manus flattern durchschnittlich pro Jahr auf den Tisch des Heyne-Verlages?“
Wolfgang Jeschke: „Was deutschsprachige Autoren angeht - etwa 60 bis 80, manchmal auch 100 Erzählungen im Jahr; Romane ungefähr 30 bis 40.“
„Dazu kommen noch die ausländischen hinzu, sprich vor allem US-amerikanische Angebote?“
Wolfgang Jeschke: „Aus dem Ausland erreichen Heyne vielleicht zwischen 600 und 800 Angebote, manchmal aber auch 1.000 pro Jahr.“
„Wie viel davon wird tatsächlich verlegt?“
Wolfgang Jeschke: „Das Heyne-Programm umfasst inklusive Anthologien und Zeitschriften-Auswahlbänden derzeit etwa 120 Titel im Jahr; davon entfallen 110 auf ausländische Autoren. 10 Publikationen sind somit Romanen und Erzählungen deutscher Autoren vorbehalten, einschließlich der Anthologien, in denen regelmäßig auch deutschsprachige Autoren publiziert werden.“
„Was ist der häufigste Fehler angehender Autoren?“
Wolfgang Jeschke: „Meist fehlt es am Handwerklichen, am schreibtechnischen Know-how. Das heißt, man muss wissen, wie man eine Handlung aufbaut, wie man Personen charakterisiert und wie man sie zum Beispiel mit einem Namen versieht. Des Weiteren ist der Einstieg von enormer Bedeutung. Es gibt leider Autoren, die lernen nichts dazu, sie sind beleidigt, wenn man sie kritisiert; aber es gibt auch die anderen Spezies, die mir noch unangenehmer sind, die sagen: ‚Sie können alles an meinem Roman verändern, aber Sie müssen ihn publizieren’. Das sind die beiden Extreme. Im Übrigen sind die Fehler zahlreich und individuell: Einige achten nicht einmal auf die Zeichensetzung und die Rechtschreibung; ihre Einstellung ist: das ist die Sache des Setzers oder Korrektors oder des Redakteurs, der das Manuskript bearbeitet. Solche Autoren fühlen sich nur für die Idee zuständig, aber das reicht eben nicht aus. Die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, ist in solchen Fällen sehr gering. Autoren, die nicht in der Lage oder willens sind, weiter an sich zu arbeiten, schaffen es natürlich nicht. Gute Autoren dagegen besitzen nicht nur Talent, sondern sie suchen sich ständig zu verbessern.“
„Stellen wir uns vor, ein Autor käme zu Ihnen und würde Sie fragen: ‚Herr Jeschke, was soll ich tun, mein Herz schlägt für die Science Fiction. Ich möchte irgendwie den Einstieg schaffen. Geben Sie mir Ratschläge, ich bin bereit, alles zu tun, aber in welche Richtung soll ich marschieren?’“
Wolfgang Jeschke: „Ich würde ihn zunächst einmal aufklären, dass Verlage üblicherweise eine Art Buchfabrik sind und nicht die Zeit besitzen, sich individuell speziellen Texten zu widmen. Der verantwortliche Lektor muss in Sitzungen sein, er hat Pressetexte zu erstellen, er muss ein Programm machen, er muss sich um die Umschlagbilder kümmern, um die Rückseitentexte und so weiter. Im Klartext: er muss seinen Außenlektoren vertrauen.
Trotzdem soviel zu dieser Frage: Von erstrangiger Bedeutung ist wie gesagt das Handwerkliche. Das ist das größte Handicap bei deutschen Autoren. Ich würde weiter raten, ein Autor oder ein angehender Autor sollte sich Vorbilder suchen, an denen er sich schulen kann. Er muss lernen, wie man eine Idee einkleidet. Das meiste, was im Lektorat eintrudelt, ist eben leider sehr dilettantisch geschrieben, sehr linear dargestellt und sehr schulaufsatzhaft erzählt.“
„Es läuft also letztlich auf das Handwerkliche hinaus...“
Wolfgang Jeschke: „Richtig! Eine weitere Anregung in diesem Zusammenhang. Was mir bei angehenden Science-Fiction-Autoren oft auffällt, ist dieser Umstand: Man bemerkt, sie lesen nur Science Fiction; das aber ist tödlich. Sie sind nicht literarisch vorgebildet. Es ist notwendig, auch andere, das heißt bekannte Mainstream-Autoren zu lesen. Darüber hinaus sollte man sich sehr intensiv darum bemühen, wie man eine Erzählung beginnt. Hieran kann man sofort erkennen, wie gut und geübt ein Autor ist. Also muss man wo immer möglich die Anfänge von Erzählungen und Romanen studieren.“
„Wie würden Sie einen guten Einstieg definieren?“
Wolfgang Jeschke: „Der Einstieg muss den Erfordernissen der Story genügen. Soll es etwas Fetziges sein oder soll es lieber behäbig erzählt werden? Soll es ein Reisebericht werden oder was? Es gibt keine Schablone, aber der Einstieg muss zu der Story passen. Wenn der Autor den Leser nicht auf den ersten Seiten, besser noch: mit den ersten Sätzen, zu fesseln vermag, dann hat er ihn auch schon verloren. Darüber hinaus gilt: der Autor muss lesen, lesen, lesen. Literarische Bildung ist wichtig, aber auch das Basiswissen unserer abendländischen Kultur darf nicht vernachlässigt werden. Man muss unter anderem die amerikanische Literatur kennen, die manchmal stark befrachtet ist mit Hinweisen auf die Bibel oder auf das jüdische Milieu. Wenn man in der Science Fiction glaubhaft irgendeine Welt entwerfen will, braucht man außerdem zumindest Basiskenntnisse in den Naturwissenschaften, vor allem in der Astronomie. Also muss man eben auch naturwissenschaftliche Zeitschriften studieren – und sei es nur PM. Noch besser ist natürlich Bild der Wissenschaft oder Spektrum der Wissenschaft. Man sollte als Science-Fiction-Autor über die wichtigsten Forschungsergebnisse unterrichtet sein oder etwa die Bücher von Hoimar von Ditfurth gelesen haben, ein absolutes Muss als SF-Autor. Ein ernstzunehmender Autor muss aufarbeiten, was sich in der Forschung tut. Man muss als Science-Fiction-Autor immer wissen, wo die Forschung aufhört und die Fiktion anfängt.“
„Ein Zielpublikum für Science Fiction sind die Wissenschaftler selbst?“
Wolfgang Jeschke: „Richtig! Und die sind natürlich schnell verstimmt, wenn sie sehen, dass etwas schon vor zwei Jahren in einem Fachmagazin zu finden war oder wenn bestimmte Spekulationen schon lange existieren, was plötzlich als SF oder neue Idee verkauft werden soll. Man muss wissen, was ist fiktiv und woran arbeiten Wissenschaftler bereits - und sei es bislang nur spekulativ.“
„Herr Jeschke, wir bedanken uns für das Interview!“
Soweit ein „hartgesottener“ ehemaliger Cheflektor/Verleger, der vielleicht berühmteste SF-Herausgeber im deutschsprachigen Raum!
Forschen wir nun weiter.
* * *
Auf der Suche nach Erfolg sind Sie weiter gut beraten, wenn Sie außerdem systematisch die Biographien erfolgreicher Science-Fiction-Autoren studieren.
Untersuchen wir also einmal interessehalber den Lebensweg Jules Vernes, des Vaters der Science Fiction, und bemühen wir uns, ihm einige weitere Geheimnisse abzulauschen.
EINE AUFSEHENDERREGENDE BIOGRAPHIE: JULES VERNE
Es ist immer ein außerordentlich lohnendes Unternehmen, ein Leben hautnah nachzuvollziehen, speziell wenn es von ganz unten nach ganz oben führt. Gewöhnlich kann man hieraus mehr lernen, als wenn man 101 Ratschlägen lauscht, die vom grünen Schreibtisch aus gegeben werden. Das pralle Leben ist immer der beste Lehrmeister.
Jules Vernes konkrete Biographie beginnt jedenfalls ganz unten, beginnt im Jahre 1828 in Nantes, in Frankreich. Obwohl sein Vater Pierre ein braver Jurist ist, der sich durch tadelloses Geschäftsgebaren auszeichnet - „redlich wie Verne“ war geradezu eine Redensart - handelt es sich doch auch um eine Spießbürgerfamilie, in die der große Verne hineingeboren wird. Das Geld ist knapp, es wird gegeizt an allen Ecken und Enden. Man ist konservativ und katholisch, bieder und angepasst. Früh zeichnet sich der gescheite Jules in der Schule aus, er erlernt flink Sprachen und liebt die Geographie. Bereits in jungen Jahren fängt er an, Gedichte zu verfassen, ja sogar Theaterstücke. Er versucht sich in Tragödien und historischen Stoffen, aber von einem Pennäler wird natürlich nichts gedruckt. Stets schwebt über ihm das Damoklesschwert des „gutbürgerlichen“ Berufes, den er gefälligst ergreifen soll. Der Vater beabsichtigt, Jules als Nachfolger in die väterliche Kanzlei zu nehmen, schließlich ist das geregelte Einkommen und der „sichere“ Job das bourgeoise Paradies schlechthin.
Jules studierte also gehorsam die Juristerei. Früh hat er bereits sein zweites Examen in der Tasche, konkret im Jahre 1848, dem Revolutionsjahr, wo es in Paris brodelt und kocht. Aber noch ist die Ausbildung nicht abgeschlossen. Jules quält sich also weiter mit der knochentrockenen Juristerei, wieder und wieder beklagt er sich in seinen Briefen an den Vater über die prekäre Finanzlage. Aber er wird kurz gehalten, wie ein Hund an der Leine. Über jeden ausgegebenen Franc muss er zu Hause Rechenschaft ablegen. Oft besitzt er kaum das Geld, um sich ein paar Kleidungsstücke oder ein paar Schuhe zu kaufen. Dennoch findet Jules die Kraft, sich neben dem Studium auch dem Theater zu widmen.
Fragen wir: Was macht Jules Verne „richtig“?
Nun, er schreibt. Und schreibt. Und schreibt.
Weiter sucht er die Bekanntschaft zu Meinungsführern, wie wir heute, im Zeitalter der Public Relations, sagen würden, sprich er sucht die Nähe zu anderen Schriftstellern, zu Alexandre Dumas etwa, dem Vater der unsterblichen Musketiere. Ja mit Alexandre Dumas junior schreibt er sogar gemeinsam eine Komödie! Immerhin: sie erlebt zwölf Aufführungen, was gerade die Unkosten deckt, aber es ist ein Anfang.
Jules Verne hat Blut geleckt.
Wir wissen nicht, ob sich an das Jurastudium, das er inzwischen hasst wie die Pest und 1851 beendet, nicht noch ein Literaturstudium anschließt, jedenfalls ist er weiter auf die spärlich fließenden Francs aus dem Elternhaus angewiesen. Um finanziell auf die Beine zu kommen, erteilt er jetzt Nachhilfeunterricht.
Aber er vergisst nie, weiter zu schreiben!
Jacques Offenbach ist gerade dabei, Paris mit seinen Opern zu erobern. Und so schreibt Jules Vernes ein paar leichte Komödien, Operetten und Libretti, immer nur darauf bedacht, mit dieser geheiligten, geliebten Welt des Theaters und der Bühne, in Kontakt zu bleiben. Genau dieser unbändige Wunsch lässt ihn schließlich sogar den Sekretärsposten bei einem Theaterdirektor annehmen. Aber er hört nie auf zu schreiben. Populär sind inzwischen in Paris Romane, in denen Entdeckungsreisen im Mittelpunkt stehen sowie Abenteuererzählungen mit neuen wissenschaftlichen Perspektiven. Vernes versucht sich also auch hierin und trifft damit unversehens den Nagel auf den Kopf. Er kombiniert geschickt das aufkeimende wissenschaftliche Interesse mit Reiseberichten und paart Abenteuergeschichten mit exotischer Kulisse, wissenschaftlichen Spekulationen und Zukunftsvisionen.
Das Ergebnis: Er wird publiziert. Jules tanzt vor Freude auf dem Tisch. Das erste Geld ist zwar nicht der Rede wert, aber immerhin!
Unversehens lernt er indes eine „liebenswürdige Witwe“ kennen (Vgl. Volker Dehs, Jules Verne, Reinbek bei Hamburg, 20003 ), die jedoch den winzigen Nachteil besitzt, bereits zwei Kinder zu haben. Dennoch stürzt sich Jules Hals über Kopf in das galante Abenteuer. Wenig später heiratet er. Da er immer noch arm wie eine Kirchenmaus ist, erlernt er flugs einen neuen Beruf: Jules Vernes wird Börsenmakler, schließlich gilt es, eine Familie zu ernähren.
Die Welt der Börsenmakler und Künstler in Paris ist eng miteinander verquickt. Auf diesem Parkett tummeln sich fröhlich nebeneinander Geldspekulanten, Journalisten, Librettisten, Theaterschreiber, Investoren und Gauner. Aber das Geschäft scheint sich zumindest passabel anzulassen, bis ihm Honorine, die „liebenswürdige Witwe“ eröffnet, dass sie schwanger ist. 1861 erblickte Sohn Michel das Licht der Welt. Die schöne Unabhängigkeit unseres Genies hat ein Ende. Der kleine Schreihals stört ihn beim Denken, stört beim Schreiben, stört bei allem. Trotzdem kniet sich Jules in einen neuen Roman. Er verfasst Fünf Wochen im Ballon - - und wird über Nacht berühmt…
DER DURCHBRUCH
Beleuchten wir diesen Coup ein wenig genauer: Die Erfolgsformel, der sich der spätere Weltbestsellerautor befleißigt, besteht ganz einfach darin, dass er das Ohr am Puls der Zeit hat: Das Publikum fliegt geradezu auf Abenteuergeschichten und auf Reiseerzählungen, die mit wissenschaftlichen Hintergründen und Spekulationen garniert sind. Jules Vernes liefert genau, was gewünscht wird! Er greift ein Sujet auf, das gewissermaßen in der Luft liegt.
Über seinen Freund Dumas ist er außerdem inzwischen in Kontakt mit einem bekannten Verleger gekommen, namens Hetzel. Das heißt, Verne hatte sich rührig umgetan, hatte Beziehungen gesucht und gefunden. Er hatte mehr und ausgiebiger kommuniziert als andere. Die Quantität seiner Kommunikation war enorm.
1865 wird Verne jedenfalls als Hausautor von Hetzel unter Vertrag genommen. Für 750 Franc muss er nun jährlich drei Romanbände abliefern, später für 1000 Franc zwei. Immer noch handelt es sich um kein berauschendes Salär, aber wichtiger ist: Der Name Jules Verne wird publik, er wird ein Markenzeichen. Er wird gelesen und regelmäßig veröffentlicht, er wird Teil des literarischen Lebens in Paris.
Nun wendet Jules Verne eine weitere Erfolgsformel an, die wir bei Schriftstellern immer wieder beobachten können: Jules Verne reist. Er recherchiert bei seinen Reisen persönlich vor Ort, begibt sich auf große Fahrt in die USA (1867), auf einem Ozeanriesen mit dem Namen „Great Eastern“. Für Verne sind Reisen Rechercheninvestment für seine neuen Romane.
Später lässt sich Verne sogar ein eigenes Boot bauen, mit dem er nicht nur die Küsten Frankreichs unsicher macht, sondern auch England und Spanien besucht.
Auf diese Weise lernt, recherchiert und beobachtet er vor Ort.
Und er schreibt. Tatsächlich hört er nie auf, geradezu besessen zu schreiben.
Aber die politischen Umstände sind chaotisch. Der Krieg 1870/71 zwischen Frankreich und Deutschland zeitigt Unordnung und Verwüstung, der alte Kriegstreiber Bismarck schüttelt das Nachbarland ordentlich durcheinander. Napoleon III. Der eitle Geck, muss gehen, er gerät in Gefangenschaft. Paris wird von deutschen Truppen belagert. Die Republik kommt, der Sozialismus wird modern und in London jubelt Karl Marx.
Aber Jules Vernes lässt es sich trotzdem angelegen sein, seine alte, erfolgreiche Aktion beizubehalten: Er schreibt und schreibt und schreibt.
Er verfasst seine berühmten Mondromane, bei denen nicht nur überrascht, dass er den Abschußort der Mondrakete nach Florida verlegt, was später die NASA tatsächlich tun sollte, sondern er errät auch viele wissenschaftliche Details, die rund ein Jahrhundert später wahr werden sollten. Er konsultiert Astronomen und Mathematiklehrer und recherchiert mit anderen Worten wie kein zweiter. Der Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ entsteht, „Die geheimnisvolle Insel“ und andere Werke mehr.
DAS GANZ GROSSE GELD
Der Erfolg überholt Jules Verne. Zehn Jahre nach seinem ersten Roman entwickelt sich eine regelrechte Manie. Jules Verne wird in Spanien, England, Deutschland, Russland und selbstverständlich Frankreich gelesen. Die Verleger balgen sich um die Rechte seiner Romane. Einige Romane erscheinen als Vorabdruck in bekannten Feuilletonzeitungen, was seinen Ruhm nur mehrt. Verschiedene Zeitungen müssen ihre Auflagen verdoppeln, so beliebt sind die Beiträge Vernes inzwischen. Die Honorare werden immer stattlicher. Jules Verne badet im Erfolg.
Und eines Tages winkt das große Geld, das ganz große Geld.
Nie hat ihn seine Liebe zum Theater losgelassen. Und nie waren die Kontakte vollständig abgerissen. Und also setzt sich Jules Vernes eines Tages auf den Hosenboden und bringt eine Bühnenfassung seines beliebtesten Romans Die Reise um die Erde in 80 Tagen neu heraus. Das Stück ist ein Superlativ, speziell was den Aufwand angeht, der dafür betrieben wird. 150.000 Franc verschlingt allein die Ausstattung, eine für die damalige Zeit ungeheure Summe. Aus London wird eigens ein Elefant herbeigeschafft. (Die Pariser Elefanten wurden von der Bevölkerung zur Zeit des Krieges verspeist). Das Stück erlebt 415 Aufführungen, wird kurz abgesetzt, kommt dann wieder auf den Spielplan und verschwindet erst am Anfang der dreißiger Jahre des nächsten Jahrhunderts.
Verne hat klug gepokert, hat hoch gepokert. Er ist an einem Viertel des Einspielergebnisses beteiligt. Einem Viertel! Das Geld fließt nun in Strömen in die Kassen des Reiseschriftstellers, den die Kritik manchmal lobt, manchmal zerreißt. Aber was kümmert das einen Schriftsteller, wenn nur der Rubel rollt und die Kasse stimmt?
Und Verne ist klug, klug sogar in seinem Erfolg. Nach seinem Welterfolg macht er folgendes: Er schreibt weiter wie besessen.
Tatsächlich sucht er sich in der Folge selbst zu übertreffen.
Er bringt seinen Michael Strogoff im Jahre 1880 auf die Bühne – und kassiert erneut wie ein Maharadscha. Die Investitionen liegen noch höher als beim ersten Mal, der neue Superlativ schlägt den alten. 1200 Kostüme müssen eigens angefertigt, genäht, zugeschneidert und entworfen werden. Zeitweilig „stürmen 400 Personen auf die Bühne“ (Dehs). Jules Vernes Ruhm steigt ins Unermessliche. Ebbe in seiner Geldkatze kennt er jetzt nur noch vom Hörensagen. Jules Verne befindet sich auf dem Gipfel seiner Beliebtheit und seines Ruhmes.
Paris hat einen neuen Gott.
WELTERFOLG
Jules Verne beschließt nach einer Weile, mit Sack und Pack umzuziehen. Er zieht nach Amiens, wo er 1872 in die Akademie aufgenommen wird. Später wird er zum Vorsitzenden dieser Akademie gewählt. Jules Verne ist eine Berühmtheit. Auflage um Auflage seiner Romane erscheinen. Europa, ja die Welt, liegen dem Autor inzwischen zu Füßen.
Er aber schreibt einfach weiter. Wieder hält sich Jules Verne an seine alte Erfolgsformel; das Außergewöhnliche mit dem Geographischen und das Geographische mit dem Wissenschaftlichen zu verbinden.
Schriftstellerisch wird er immer erfolgreicher, wenn das überhaupt noch möglich ist. Er erhält Post aus aller Welt.
Er verrät uns sein Geheimnis, aus dem Schriftsteller bis heute viel lernen können, als er festhält:
„Ich beginne immer mit dem Entwurf eines Planes zu meinem Roman, fange aber nie an, ohne zu wissen, wie Beginn, Mitte und Schluss des Buches sein werden. Außerdem habe ich bisher immer das Glück gehabt, im Kopf nicht nur ein Schema, sondern gleich ein halbes Dutzend herumkreisen zu sehen...“ (Gefunden bei Dehs)
Pures Gold, das belegt, wie dieser Weltbestsellerautor vorangegangen ist, wenn er einen Plot, einen Plan für einen Roman entwarf.
Am 17. März 1905 stirbt Jules Verne. Einer der größten Autoren Frankreichs und der Welt, der Vater der Science Fiction, ist tot.
WAS SIE AUS BIOGRAPHIEN LERNEN KÖNNEN
Biographien großer SF-Autoren sind hoch interessant – und der Newcomer kann aus Ihnen mehr lernen als man sich gemeinhin vorstellen mag. Es sei Ihnen also anempfohlen, fleißig Biographien zu studieren – aber immer unter dem Blickwinkel, was Sie eventuell selbst anwenden können.
Spätestens nach einiger Zeit, wenn Sie also 50 bis 100 Autoren-Biographien ausgewertet haben, werden Sie feststellen, dass zu einer hervorragend geschriebenen SF-Geschichte immer dies gehört:
♦ Eine außergewöhnliche (SF-)Idee, die den Leser wirklich vom Hocker reißt,
♦ eine Recherche, die in die Tiefe geht und die es in sich hat,
♦ Helden (und Anti-Helden), sprich Protagonisten (und Antagonisten), sowie andere typische, unverwechselbare Figuren und
♦ ein fesselnder Plot; sprich die Handlung muss mittels Spannungstechniken in eine bestimmte Richtung getrieben werden. Jules Verne, wiederholen wir es, hatte stets mehrere Plots im Hinterkopf, wenn er schrieb, er verfügte also über mehrere Möglichkeiten, die Handlung weiterzutreiben.
Wenn Sie dies beherrschen, kann Ihnen sozusagen nichts anbrennen.
Wer sich über Methoden, die Ihnen in dieser Beziehung weiterhelfen, zusätzliche Informationen einholen möchte, lese bitte diese Spezialreports:
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auf ein völlig neues Niveau heben, hocheffizient zu recherchieren
so dass Sie explodieren vor guten
Ideen.
EIN BEISPIEL
Bemühen wir nun ein Beispiel, damit Sie ersehen können, wie man einen raffinierten Plot stricken kann, der den Leser wirklich gefangen hält. Sie ersehen an dem folgenden Beispiel außerdem, wie wichtig es ist, klar identifizierbare Figuren zu entwerfen.
Weiter ist natürlich die völlig außergewöhnliche Idee, die den Rahmen des Üblichen sprengt, von Bedeutung, wenn Sie Land gewinnen und den Leser in Bann schlagen wollen.
Schließlich und endlich muss Spannung, am besten Hochspannung gegeben sein, wenn Sie Ihre Pappenheimer bei der Stange halten wollen.
Beobachten Sie in diesem Sinne während der Lektüre des folgenden Romans einmal diese verschiedenen Bestandteile genau und suchen Sie sie zu analysieren.
Der folgende SF-Roman trägt den Titel: „Der Kondor“. Es handelt sich um einen Roman, der 100 Jahre in der Zukunft spielt.
Viel Spaß!
DER KONDOR
Kakuzo Ohama war hochgewachsen, schlank und besaß ein geradezu exotisches Gesicht, das einem Vertreter der japanischen Hocharistokratie zu gehören schien oder einem fernöstlichen Dressman. Die Wangenknochen waren ausgeprägt und die Augen mandelförmig und dunkel. Aber Kakuzo Ohama war mindestens ebenso attraktiv wie skrupellos. Er füllte gerade in aller Ruhe Patronen in einen altmodischen Revolver, eine Smith & Wesson Model 1917, Kaliber .45, mit dem man sechs Schüsse abfeuern konnte. Er lächelte dabei ein Lächeln, das besser zu einer japanischen Dämonenfratze gepasst hätte.
Als Vorstandsvorsitzender des größten Computerkonzerns der Welt hatte er Zugang zu den modernsten Waffen; aber er liebte die altmodische Technologie, die ihn immer wieder daran erinnerte, welche Quantensprünge die Wissenschaft des Tötens gemacht hatte.
Er betrachtete die Trommel des Revolvers. Es klickte jedes Mal verheißungsvoll, wenn er eine Patrone einschob. Schließlich ließ er die Trommel einschnappen und wog den Revolver in der Hand. Dann ließ er das Gehäuse ein paar Mal herumschnurren. Das Ding war relativ schwer – im Verhältnis zu den modernen Waffen, die heute zur Verfügung standen. Er zielte spaßeshalber auf ein Bildnis in seinem luxuriösen Büro, das den Gründer des Computerkonzerns zeigte. Aber er zog den Abzug nicht durch. Dann lächelte er erneut sein Dämonenlächeln und dachte an seinen Job: Er musste eine Person erschießen, einem Mann, der das größte Hindernis für die Expansion des Konzerns darstellte. Erst dann konnte er sich in Ruhe seinem Lieblingskind, der Firma High Emotions widmen, sowie einem neuen, absolut spektakulären Produkt, das ihm einen uneinholbaren Vorsprung vor allen anderen Computerriesen für die nächsten Jahrzehnte verschaffen würde.
High Emotions war eine Tochtergesellschaft und ein Spin-off des Dachkonzerns.
Ohama betrachtete noch einmal liebevoll seinen Revolver. Bevor er die Person, die ihm im Wege stand, eliminierte, würde er sich zuerst noch einmal über die neueste Entwicklung in dem Geheimlabor von High Emotions informieren.
Er bewunderte kurz sein edel geschnittenes Gesicht, hinter dem er sich so gut verstecken konnte und blickte in den großen Spiegel, der sein Büro zierte. Ausgiebig betrachtete er die hochgesetzten Jochknochen und die dunklen, mandelförmigen, Augen.
Alle hielten ihn für Kakuzo Ohama, es war fabelhaft!
Aber er durfte sich jetzt keinen Tagträumereien hingeben, er musste handeln! Immerhin war ein kleiner Mord zu erledigen, ein Mord, der freilich notwendig war. Gleichzeitig handelte es sich dabei um den bizarrsten Mord, den man sich vorstellen konnte und der noch nie auch nur einiges Mal vorher in dieser Weise inszeniert worden war! Nicht einmal von einem der großen Romanschriftsteller war er bislang erfunden worden, und das waren schließlich die besten Lügner der Welt!
Ohama überlegte einen Moment, ob er ein Genie war, es war nicht undenkbar! Aber wichtiger als ein hoher Intelligenzquotient, ja selbst wichtiger auch als die emotionale Intelligenz war die Geldintelligenz. Seltsam, dass die Herren Wissenschaftler diesen Ausdruck noch nicht geprägt hatten. Wie auch immer, vielleicht war sein Gedanke der Ausgangspunkt für ein gänzlich neues Forschungsgebiet. Geldintelligenz!
Er machte sich rasch eine Notiz zu seinem neuesten Einfall.
Aber zunächst musste er noch einmal sein neuestes High-Tech-Gerät inspizieren.
Er drückte die Sprechtaste.
„Informieren Sie bitte Dr. Jakobus, dass ich in zehn Minuten bei ihm sein werde, um das neueste Produkt von High Emotions persönlich zu testen!“
Er wartete kaum das kurze „Jawohl Sir!“ ab, strich sich dann seinen feinen Zwirn glatt und verließ sein Büro. Ohne die Vorzimmerdamen mehr als mit einem kargen Kopfnicken zu bedenken begab er sich sofort in den Aufzug, der zur Tiefgarage führte, wo ein Chauffeur Tag und Nacht in einer ellenlangen Status-Limousine darauf wartete, ihn transportieren zu dürfen. Der Chauffeur war vorgewarnt. Er hatte bereits seine Chauffeurkappe korrekt auf und hielt seinem Chef die Wagentür auf.
„High Emotions!“ warf ihm Ohama zu und setzte sich in den Fond. Sekunden später setzte sich der Wagen in Bewegung.
Er ließ die Scheibe hoch, so dass er akustisch von seinem Chauffeur getrennt war und rief die letzten E-Mails ab. Dann sprach er in ein Diktaphon und gab einige Anweisungen. Die akustischen Signale wurden sofort in schriftliche Worte umgesetzt und erreichten die Empfänger wenige Sekunden später. Die Zeiten, da man sich umständlich mit Tastaturen herumschlagen musste, waren unwiderruflich vorbei.
Ohama fühlte die Schwere des Revolvers, den er in seiner linken inneren Jackentasche verstaut hatte. Aber der Mord musste noch einen Augenblick warten. Er sah auf die Uhr. Zwei Stunden blieben ihm noch. Er konnte das neueste Produkt von High Emotions in aller Ruhe in Augenschein nehmen.
Er befahl dem elektronischen Autocomputer, einen Drink zu servieren, gleichzeitig gab er die Details ein: Kein Alkohol, vielmehr einen Saft mit reichlich Vitamin A, denn er musste auf die Schärfe seines Augenlichtes achten. Weiter brauchte er Vitamin B-Komplex, sowie etwas Karotin und Vitamin E, weil an diesem Morgen seine Haut etwas fahl ausgesehen hatte. Er überlegte einen Moment, ob er seinen Mineralhaushalt kurz von dem Autocomputer durchchecken lassen sollte, verzichtete dann aber darauf.
Wenig später hielt die Limousine vor dem imposanten Gebäude des Unternehmens High Emotions. Er stieg aus und ging die breit angelegten Stufen nach oben, ohne seinem Chauffeur weitere Anweisungen zu geben, denn dieser wusste, was er zu tun hatte: auf ihn zu warten!
Dr. Jakobus empfing ihn persönlich am Hauptportal. Er bemühte sich um Freundlichkeit. „Es ist alles für Sie vorbereitet, Sir! Sie können das Produkt selbst austesten.“
„Welchen Namen haben Sie dem Prototyp gegeben?“ fragte der Vorstandsvorsitzende zurück, während sie durch ein Gewirr von Gängen zielstrebig in Richtung des Geheimlabors eilten.
Dr. Jakobus strahlte: „High Emotions, wie der Name der Firma! Ich denke, mit diesem Wort ist wirklich alles gesagt. Wir haben bislang keinen besseren Namen gefunden.“
Kakuzo Ohama nickte. Die Idee, den gleichen Namen wie die Firma zu benutzen, kam von ihm. Es verwunderte ihn nicht, dass niemand einen besseren Einfall gehabt hatte. Der Gedanke, dass die Angestellten Angst vor ihm hatten, kam ihm nicht.
Er folgte Dr. Jakobus in das Labor. Als er vor dem neuen Gerät stand, lächelte er: Kaum jemand wusste, dass der neue Apparat momentan noch illegal war. Aber diesen Punkt würde er schon bald zurechtrücken. Dazu war es notwendig, einmal mit den Pharmaverbänden ein ernstes Wörtchen zu reden und auf die Milliarden aufmerksam zu machen, die mit diesem Gerät zu verdienen waren. Wenn die juristischen Details abgeklärt waren, konnte er das Produkt marktreif erklären lassen. Er nickte Dr. Jakobus zu, der ihm zunächst den Chefprogrammierer vorstellte.
Kakuzo Ohama fixierte seine Angestellten kurz, wie Ratten in einem Labor: Die beiden sahen aus wie ihre eigenen Karikaturen. Dr. Jakobus hatte eine Glatze und kompensierte diese, wie viele Glatzenträger, durch einen Bart, in diesem Falle einem sorgfältig gestutzten Ziegenbart. Der Chefprogrammierer Joe Anderson trug eine Intellektuellenbrille mit kleinen, kreisrunden Gläsern und einem goldenen Drahtgestell. Seine Mundpartie schien eigenartig abgelutscht zu sein und sah aus wie eine abgetretene Treppenstufe.
Er riss sich von dem Anblick seiner beiden hässlichen Angestellten los und schnarrte:
„Beginnen wir! Ist die Droge einsatzbereit?“
„Selbstverständlich, Sir!“ ölte der Chefprogrammierer und fügte eilig hinzu:
„Es stehen allerdings noch drei Versuchsreihen aus, aber 83 sind erfolgreich verlaufen, und ...“
„Das sollte genügen!“ schnitt ihm Kakuzo Ohama, Herr des mächtigsten Konzerns der Welt, das Wort ab, während er sich genüsslich in den verkabelten Spezial-Sessel fallen ließ. Vor ihm ragte ein riesiger Bildschirm auf, der zwei Meter breit und einen Meter hoch war. Er prüfte kurz die verschiedenen Video-Programme. Dann wählte er einen harten Western, der einige Aufregung versprach.
„Schließen Sie mich an!“ herrschte er schließlich den Chefprogrammierer an.
Anderson befestigte mit ein paar geübten Handgriffen ein Helmgerät, das exakt den Kopf des Konzernherrn umspannte und verband es mit verschiedenen Stellen seines Gehirns. Weiter wurde der Vorstandsvorsitzende mit dem riesigen Fernsehschirm verkabelt. Alle Wahrnehmungen aber liefen über den Helm, der jetzt endgültig High Emotions hieß, das Kind hatte einen Namen.
„Schieben Sie die Droge ein!“ befahl der Vorstandsvorsitzende. Dr. Jakobus wurde aktiv. Er hielt bereits eine Ampulle mit einer rötlichen Flüssigkeit in der Hand und legte sie jetzt in die vorgesehene Stelle innerhalb des Helmes, der die Droge schmerzlos direkt dem Gehirn Ohamas zufließen lassen würde.
„Was kostet uns die Droge momentan?“
„Noch zu viel!“ antwortete Dr. Jakobus. „Mehr als 2000 Dollar. Die Lieferanten sind unverschämt. Wir müssten den Stoff für 500 Dollar einkaufen können, aber die Verhandlungen stocken im Moment.“ Er schwieg einen Augenblick, bevor er sagte:
„Außerdem gibt es nach wie vor juristische Probleme.“
„Das lassen Sie meine Sorge sein!“ blaffte der Konzernherr. Er drückte den Startknopf. „Brechen Sie das Programm in exakt zehn Minuten ab!“ befahl er als letztes.
Sekunden später war er Clint Eastwood.
Jede einzelne Zelle, jede Wahrnehmung und jedes Organ suggerierte ihm,
das er tatsächlich Clint Eastwood war. Er roch den Staub der Wüste, durch die Clint Eastwood gerade ritt, fühlte jeden Gesichtsmuskel des Westernhelden und spürte sogar den Tabak des länglichen Zigarillos, den Clint sich gerade tief in die Lunge zog.
Die perfekte Illusion!
Kakuzo Ohama schmeckte einen Tabakkrümel auf der Zunge. Außerdem tat ihm der Hintern weh vom dem langen Ritt. Aber er fühlte auch das Adrenalin in sich pulsieren, denn er jagte gerade hinter mehreren Ganoven her, die er in Kürze aus dem Sattel schießen würde. Er gelangte an eine Felsenformation und ließ seinen Hengst in einen leichten Trab verfallen. Kurz fühlte er den Schreck, als das Pferd plötzlich die Vorderhufe hob und sich aufbäumte: Eine Klapperschlange züngelte vor ihnen auf! Das Pferd unter seinem Gesäß war real, unvorstellbar real! Ohama riss unsanft an den Zügeln und brachte den Hengst wieder zur Vernunft.
Sein Instinkt sagte ihm, dass die Halunken hinter der Felsengruppe lauerten. Er fühlte die Kälte des Revolvers in seiner Hand, als er ihn zog und hörte das leichte Klicken, als er den Hahn spannte. Ohama war nicht mehr Ohama, er war ein Westernheld aus dem 18. Jahrhundert! Er fühlte den rauen Stoff seines Ponchos, den er achtlos über die Schultern geworfen hatte und hörte seine Sporen klirren. Plötzlich witterte er Gefahr. Einer der Gauner tauchte unversehens hinter einem Felsen auf und schoss mehrmals nach ihm. Er vermeinte sogar den Windhauch zu verspüren, als zwei Kugeln an ihm vorbeipfiffen.
Ohama sprang wie ein Panther von seinem Pferd, rollte sich im Steppengras ab und schoss noch in der Bewegung. Ein Schrei verriet ihm, dass er getroffen hatte. Er hatte dem Schurken den Revolver glatt aus der Hand geschossen. Er war ein Teufelskerl! Er war unbesiegbar! Er war Clint Eastwood! Mit einem weiteren Schuss blies er dem Schurken vollends das Lebenslicht aus.
Aber er wusste, dass hinter dem Felsen noch weitere Personen lauerten. Das ganze war eine Falle! Als weitere Kugeln über ihn hinwegpfiffen, warf er sich erneut zur Seite und suchte Schutz hinter einem kleineren Geröllbrocken. Er fühlte nicht einmal den Hauch von Angst, denn ein Held hatte keine Angst!
Er spürte nur unendliche Überlegenheit. Diese Siegesgewissheit war so real, dass er sogar die Zeit fand, sich ein neues Zigarillo anzuzünden, denn den letzten Stummel hatte er ausgespuckt, als die Schießerei begonnen hatte. Das Feuer in der Hand versengte ihm fast die Finger, aber er achtete nicht darauf. Dann lugte er um die Ecke. Er hatte es nur noch mit drei Gegnern zu tun, die übriggeblieben waren: einer vollbrüstigen Frau mit einem verdammt attraktiven Gesicht und zwei Schurken, denen die Angst im Gesicht geschrieben stand. Sie ballerten herum, aber schossen jämmerlich daneben. Gut so, sie würden sich nur verausgaben! Die Frau packte jetzt eine Flinte und schoss ebenfalls nach ihm. Ohama fühlte unversehens ein starkes Ziehen in seinen Lenden. Er kollerte blitzschnell zur anderen Seite des Geröllbrockens und zerschoss den Lauf der Flinte. Dann rollte er ebenso schnell zurück und in Deckung. Die Frau schrie auf. Wutentbrannt ballerten die beiden Halunken auf ihn los, jede Vorsicht vergessend. Fabelhaft, sie boten gute Zielscheiben, es war wie beim Tontaubenschießen! Aber er schoss nicht. Eastwood robbte sich, unsichtbar für die beiden Spitzbuben, langsam davon, um in ihren Rücken zu gelangen. Seinen breiten Cowboyhut ließ er halb sichtbar hinter dem Felsen zurück. Er war nicht nur mutig, er war darüber hinaus auch noch gerissen! Als er eine neue vorteilhafte Position eingenommen hatte, feuerte er zweimal kurz. Die Schüsse bellten auf und machten mit den beiden Schurken kurzen Prozess. Er genoss intensiv den Anblick, als Fleisch vor seinen Augen zerplatzte, Arme hochgerissen wurden und zwei Körper mit einem dumpfen Laut in der Steppe aufschlugen.
Clint Eastwood stand auf. Er klopfte sich den Staub von seinem Poncho und sah nach der Frau. Aber ein Hut war für einen Cowboy wichtiger als eine Frau! Also holte er sich zunächst seinen Hut und setzte ihn auf die unvergleichliche Weise auf, wie nur er es konnte, so dass nur noch seine gefährlich glitzernden, zusammengekniffenen Augen unter der breiten Krempe zu sehen waren über einem hart zusammengepressten Mund. Dann schritt er auf die vollbrüstige Frau zu, obwohl sie zitternd einen Revolver auf ihn gerichtet hielt. Wieder verspürte er keinerlei Angst. Er ging einfach auf die Frau mit einem eiskalten Lächeln zu und sagte cool: „Geben Sie mir das Schießeisen, Ma’m, ich möchte nicht, dass Sie sich damit verletzen!“
Ihr Busen wogte, als sie ihm den Revolver gab. Eastwood überlief ein Gefühl der Erregung. Sie blickte ihn nur an. Plötzlich brach die Frau in Tränen aus und warf sich ihm schluchzend an die Brust. Eastwood fühlte, wie sich dieser prächtige Busen gegen seinen harten, von vielen Strapazen gestählten Leib drückte. Kakuzo Ohama hatte plötzlich eine Erektion. Völlig unvermittelt küsste sie ihn.
Es flimmerte vor seinen Augen. Er versuchte gerade, den Kuss zu erwidern, als er erwachte.
„Mr. Ohama? Mr. Ohama? Sie haben angeordnet, die Sequenz nach zehn Minuten abzubrechen!“
Kakuzo Ohama holte tief Luft. Verdammt! Es war real, ja es war mehr als real. Es war wirklicher als die Wirklichkeit. „Was ist passiert?“ fragte er, sich mühsam in der Realität zurechtfindend.
„Sie haben den Ablauf des Filmes verändert!“
„Es hat also funktioniert!“ antwortete er triumphierend.
„Natürlich hat es funktioniert!“ beeilte sich Dr. Jakobus zu versichern.
„Was habe ich verändert?“
„Eine Liebesszene gibt es in dem originalen Film erst am Schluss. Aber Sie haben mit ihrem Willen den Filmcomputer beeinflusst. Und so kam es bereits
jetzt schon zu einer Kussszene, obwohl diese im ursprünglichen Film an dieser Stelle nicht existiert. Wir haben alles genau am Bildschirm verfolgt!“
„Ich kann also eine andere Person vollständig sein und gleichzeitig die Handlung nach meinen bewussten oder unbewussten Wünschen manipulieren?“
„So ist es!“ bestätigte der Chefprogrammierer. Seine Stimme klang stolz.
„Verdammt, ich habe die Emotionen erlebt, sie waren so wirklich wie ich hier sitze!“
„Die Definition von Wirklichkeit wird von High Emotions neu geschrieben werden!“ sagte Dr. Jakobus pathetisch.
„Jeder Kunde kann sich also ab heute sein eigenes Drehbuch schreiben?“
Der Chefprogrammierer antwortete: „Wenigstens für ein paar Stunden kann er alles sein und alles erleben, was er will, und das in jeder Rolle, die er sich wünscht!“
„Die vollständige Illusion!“ nickte Kakuzo Ohama versonnen und konstatierte:
„Früher kauften sich die Leute ein gutes Poster mit einem hübschen Pin-up-Girl und hängten es sich an die Wand. Heute können sie dieses Girl in die Horizontale bringen, wenn sie wollen, und das zudem in der Rolle eines gut aussehenden Helden.“
„Eine Revolution!“ pflichtete ihm Dr. Jakobus erneut schnell bei.
„Jeder, der einmal dieses Erlebnis hatte, wird süchtig!“ stellte der Vorstandsvorsitzende trocken fest.
„Süchtig in gutem Sinne!“ wiegelte Anderson liebdienerisch ab und fügte hinzu:
„Ja, jeder kann seine geheimsten Wünsche wahr werden lassen.“
Der Chefprogrammierer dachte einen Moment lang daran, wie er an einem Tag hintereinander Marilyn Monroe, Sharon Stone und Angelina Jolie abgeknutscht hatte. Am besten im Bett war Marilyn gewesen.
„Welche genaue Rolle spielt die Droge?“
Jetzt antwortete Dr. Jakobus wieder, in der Art eines Wissenschaftlers:
„Wir nennen sie Medicine Q. Es steht außer Frage, dass sie ein gewisses Suchtpotential birgt, aber man kann es kontrollieren. Man darf lediglich nicht zu häufig den Apparat applizieren. Versuchspersonen leben mit der Droge wahrscheinlich genauso lange wie ohne die Droge. Die mentalen Schäden kann man noch nicht genau bemessen, aber wenn der Gebrauch eingeschränkt wird und Medicine Q nur einmal pro Woche angewendet wird, sind die pharmazeutischen Werte zufriedenstellend.“
„Nun, es ist nicht unser Problem, wenn jemand süchtig wird“, stellte Ohama nüchtern fest.
Dr. Jakobus pflichtete ihm bei und schwärmte: „Es handelt sich jedenfalls um die größte Revolution auf dem Gebiet der Emotionen! Haben Sie schon einen Plan entwickelt, wie wir High Emotion vermarkten sollen? Ich meine, wie sollen wir das Produkt nach außen tragen?“
Kakuzo Ohama lächelte mit seinem hübschen Gesicht, das jetzt jedoch wieder einen diabolischen Ausdruck annahm: „Wir werden Todkranke benutzen!“ sagte er gelassen. „Das macht sich immer gut! Wer kann schon etwas dagegen haben, Todkranken zu helfen! Selbst Morphium wurde auf diese Weise legalisiert.“
Dr. Jakobus nickte scheinbar begeistert. „Eine exzellente Idee. Ja, in diese Richtung können wir denken. Sind Sie mit dem Namen Medicine Q einverstanden, Sir?“
„Er passt!“ bestätigte Jason gnädig. „Aber wie viel können wir mit diesem Apparat Ihrer Einschätzung nach erwirtschaften? Im ersten Jahr?“ fragte er.
„Ich kalkuliere mit wenigstens zwei Milliarden“, antwortete Dr. Jakobus prompt. „Im zweiten Jahr zehn Milliarden, im dritten hundert. Es existiert nichts Vergleichbares auf dem Markt.“
„Das lässt hoffen!“ antwortete der Vorstandsvorsitzende unterkühlt. Er blickte kurz auf seine Uhr. Ihm verblieb noch eine Stunde bis zu seinem kleinen Mord, Zeit genug! Wieder fühlte er den Revolver in der Innentasche seines Jacketts. Schließlich holte er tief Luft und konstatierte: „Die Marketingkampagne wird entscheidend sein. Was sich auf diesem Planeten bislang immer ausgezeichnet verkauft hat, ist das Thema Sex. Die Alten und Kranken sind unser Alibi am Anfang. Danach sollten wir das Thema Erotik anschneiden, aber vorsichtig.“
Der Chefprogrammierer staunte pflichtschuldigst: „Es gibt keine zugkräftigere Werbeidee. Allerdings müssen wir etwas Besonderes bieten.“
Er dachte versonnen erneut an seine Erfahrungen mit Marilyn Monroe, Sharon Stone und Angelina Jolie.
„Haben Sie bereits eine Idee?“ wandte sich der Vorstandsvorsitzende brüsk an seinen Chefprogrammierer.
Anderson kaute auf seiner ausgetretenen Unterlippe. „Grundsätzlich kann man alles programmieren. Alles! Aber es ist von Bedeutung, Spannung aufzubauen.“
Der Chefprogrammierer befand sich in seinem Element. Er wusste, wovon er sprach.
„Ich höre!“ antwortete Ohama ungeduldig.
„Ich denke an hauseigene Produktionen mit den beliebtesten Superstars. Sex ist im Übrigen, laut einschlägiger Untersuchungen, dann besonders aufregend, wenn damit eine gewisse Gefahr einhergeht!“
„Ein Beispiel?“
„Nun, stellen Sie sich eine Szene vor, in der der Liebhaber, der mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegt, denkt, dass ihn gerade die Hand einer rassigen Eurasierin streichelt, aber es ist eine Klapperschlange, die über ihn kriecht. Oder aber eine aufregend aussehende Frau hält einen kleinen, vergifteten Dolch unter dem Kopfkissen versteckt.“
„James Bond“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende trocken.
„Natürlich Bond, aber mehr als James Bond, man kann ihn toppen! Spannend ist Liebe weiter auch dann, wenn sie verboten und absolut unerlaubt ist. Denken Sie an ein Pärchen, das es in der Kirche auf einem Altar treibt.“
Anderson fuhr sich über die Lippen. Das hier war wirklich nach seinem Geschmack!
„Was zieht noch in Sachen Erotik?“ fragte der Vorstandsvorsitzende kühl.
„Eine weltbekannte Schauspielerin zum Beispiel, die normalerweise unerreichbar ist. Hier könnten wir Einzigartiges bieten!“
Der Chefprogrammierer bewegte sich auf sicherem Terrain, er war sozusagen Experte in diesem Fall. Ungefragt fuhr er fort: „Die meisten Filme basieren auf einem Strickmuster. Aber wir besitzen ganz andere Möglichkeiten. Wir können darüber hinaus die geheimen Wünsche des Zuschauers wahr werden lassen. High Emotions reagiert auf Gedanken! Wir können theoretisch Handlungsanleitungen geben, was man mit Mariyln Monroe alles anstellen kann! Aber der Kunde kann unsere Anleitungen noch übertreffen! Er kann alle seine Phantasien ausleben! Das ist der Hit des Jahrhunderts!
Ohama schloss kurz die Augen und dachte nach. Als er sie wieder öffnete, sagte er:
„Wir könnten in unserem Marketing auf den therapeutischen Wert dieses Produktes aufmerksam machen und ein paar Psychologen anheuern. Psychologen sind vollständig fixiert auf das Thema Sex, sie sind billig und sie könnten uns mit ihrem pseudowissenschaftlichem Geschwafel unterstützen.“
„Genial!“ kommentierte Dr. Jakobus und riss die Augen auf. Seine Glatze glänzte. Einschränkend fügte er hinzu: „Damit bleibt als einziges Problem die Droge. Die Kirchen werden Amok laufen sowie all diese selbsternannten Saubermänner.“
Der Vorstandsvorsitzende machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir müssen uns lediglich mit den Pharmafritzen verständigen. Die Priester werden unsere besten Kunden sein.“
„Womit nur noch die überzogenen Preise für die Droge korrigiert werden müssen!“ wagte Dr. Jakobus zu sagen.
Ohama entgegnete eiskalt: „Wir werden uns mit den Drogensyndikaten auseinandersetzen müssen. Ich bin sicher, dass wir preiswertere Einkaufsmöglichkeiten auftun können, sobald wir in großem Stil einkaufen.“
„Dann müssten wir die Drogenbosse einweihen!“ wehrte Dr. Jakobus ab.
„Wir sollten die Drogenbosse am Gewinn beteiligen!“ konterte der Vorstandsvorsitzende brutal.
Dr. Jakobus und sein Chefprogrammierer waren einen Augenblick sprachlos.
„Eine hervorragende Idee!“ kommentierte Dr. Jakobs schließlich heiser, weil er nicht zu widersprechen wagte.
„Damit, meine Herren, hätten wir alle Probleme gelöst, meinen Sie nicht?“
Kakuzo Ohama erhob sich gut gelaunt. Dann beschied er: „Aber es gibt noch eine Menge Arbeit. Der Helm muss verbessert werden, er ist immer noch zu schwer und optisch unansehnlich. Experimentieren Sie mit einem Leichtmetall und lassen Sie eine futuristisches Design entwerfen. Ich verlasse mich dabei ganz auf Sie!“
Er nickte in Richtung des Chefprogrammierers. Zu Dr. Jakobus gewandt sagte er:
„Wir haben noch etwas Wichtiges zu besprechen, erledigen wir das bei einem kleinen Imbiss!“
Die Zusammenkunft der Spitzen von High Emotions war damit offiziell beendet. Raschen Schrittes verließ der Vorstandsvorsitzende den Raum, Dr. Jakobus im Schlepptau. Ja, es lief alles wie am Schnürchen! Er verfügte sogar noch über genügend Zeit, mit Dr. Jakobus erlesen zu speisen, bevor er den kleinen Mord erledigte. Die Welt sah rosig aus.
Als sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, ließ sich der Chefprogrammierer aufatmend in den Spezial-Sessel fallen, indem Kakuzo Ohama eben noch seine unvergesslichen Erlebnisse gehabt hatte. Dann schob er sich eine CD ein, sein Lieblingsvideo - Vom Winde verweht, mit Clark Gable. Oh, es würde umwerfend sein, er würde etwas erleben, was noch kein einziger Zuschauer je erlebt hatte! Er schob die Drogenampulle mit der roten Flüssigkeit in den Helmapparat und schloss genüsslich die Augen.
Er dachte an den Hauptdarsteller und die warmen, schönen Augen von Clark Gable.
Mein Gott, er würde heute zum ersten Mal mit Clark Gable schlafen. Es war wirklich ein Privileg, bi zu sein!
***
Soweit ein kleiner Einblick in einen SF-Roman.
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